11. Dezember 2013Erfahrungsbericht der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Nicole Daffinger

Der Anruf kam um halb acht am Mittwoch morgen: „Nicole komm! Kjell stirbt!“ Obwohl ich mich einige Wochen darauf vorbereitet hatte, hätte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Tag so schnell kommen würde. Der Anruf kam um halb acht am Mittwochmorgen: „Nicole komm! Kjell stirbt!“

Obwohl ich mich seit einigen Wochen darauf vorbereitet hatte, hätte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Tag so schnell kommen würde. Im ersten Moment fühlte ich mich, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte – das konnte doch nicht stimmen. Dann setzte mein - wie ich es nenne - „Notfall- Modus“ ein. Zwei Jahre zuvor hatte ich mich entschlossen, meinem Leben eine weitere Aufgabe hinzuzufügen. Meine drei Kinder waren aus dem Gröbsten raus, wie man so schön sagt, und den Tod meines Vaters, den ich lange begleitet hatte, hatte ich ganz gut verarbeitet. Da fiel mir ein Flyer vom Familienhafen in die Hände: „Wenn Kinder sterben müssen“. Ich ging zu einem der Infoabende und gab kurze Zeit später meine Bewerbung ab. Nach ein paar Wochen wurde ich zum Gespräch eingeladen.

Ich fühlte mich von Anfang an gut aufgehoben. Kurz: es passte! Dann ging es endlich los: das Kennenlern-Wochenende! Ich war so gespannt auf meine Mitanwärter/-innen und freute mich, dass alle dreizehn sehr nett zu sein schienen. Von Wochenende zu Wochenende lernten wir uns besser kennen. Wir erzählten uns gegenseitig Dinge, die wir vielen langjährigen Freunden nicht erzählt hatten. Meine Schokoladensucht gehörte nicht dazu, die war zu offensichtlich! Wir lernten so vieles, dass uns manchmal der Schädel brummte. Und manchmal merkten wir es nicht einmal. Viel zu schnell, wenn auch herbeigesehnt, kam unser letztes gemeinsames Seminar-Wochenende. Ab da würden wir uns nur noch einmal im Monat zur Supervision sehen. Es war ein komisches Gefühl. Ich war eine der wenigen, die schon einer Familie zugewiesen war.

Das, was ich von der Familie wusste hörte sich gut an. Ich begann mich innerlich auf meine Aufgabe dort vorzubereiten. Doch, wie so oft in meinem Leben, kam alles ein bisschen anders. Ich wurde von meiner Koordinatorin Janine gefragt, ob ich eine Betreuung in einer anderen Familie übernehmen würde. Na gut dachte ich. Ich bin Flexibel! Also trafen wir uns wenige Tage später zum ersten Mal mit „meiner“ Familie. Das heißt,, mit der Mutter, Tanja, und dem jüngsten Sohn Kjell.

Ich wusste, dass es in der Familie vier Kinder gab. Alle drei Jungs lebensverkürzend erkrankt. Nur die Tochter ist gesund. Was für ein Schicksal! Die Mutter hatte die letzten Wochen und Monate zumeist im Krankenhaus verbracht. Wenn fremde Menschen kamen, bedeutete das für den Dreijährigen zumeist weitere Schmerzen. Daher war es nicht verwunderlich, dass er bei unserm Anblick sofort an ng zu schreien und zu weinen. Erst als wir uns im gebührenden Abstand zu ihm auf dem Sofa niederließen, beruhigte er sich.Kjell bekam seine Nahrung hauptsächlich über einen Broviac und als wir ankamen lief der Tropf noch. Nun wurde er ab gestöpselt und war dadurch weniger bewegungseingeschränkt. Plötzlich hockten wir beide auf dem Fußboden und bauten mit Duplo Steinen ein Versteck für seine heißgeliebten Autos.

Auch zwischen Tanja und mir herrschte gleich Sympathie und so verabredeten wir, dass ich am Freitagnachmittag wieder komme. Mit einem guten Gefühl fuhr ich nach Hause. Über Wochen und Monate hinweg entstand für mich eine Freundschaft, die mir sehr wichtig wurde. Das Vertrauen, dass mir entgegengebracht wurde, gab mir das Gefühl etwas richtig zu machen. Die Eltern ließen mich sogar mit Kjell allein, was bei der Schwere der Erkrankung eine große Verantwortung war. Für mich hatte sich die Betreuung gut eingespielt, ich wurde über den Verlauf der Erkrankung zwar informiert und wusste auch von seiner Palliativ-Einstufung.

Trotzdem war es für mich ein Schock, als sich kurz vor Weihnachten die schlechten Nachrichten dann häuften. Zwischen den Feiertagen musste dann die schwerste Entscheidung getro en werden: Keine weiteren Operationen, keine weiteren Krankenhausaufenthalte. Was sich erst einmal positiv anhörte bedeutete aber: Kjell wird sterben! Am Dienstag fuhr ich nachmittags hin. Da Kjell permanent an den Apparaten hing, konnte Tanja nur ohne ihn raus um mal durch zu schnaufen oder einkaufen zu gehen. Also passte ich so lange auf ihn auf. Wir spielten mit seinen Autos, erfanden Unfälle und „riefen“ die Polizei. Als ich nach Hause zu meiner eigenen Familie fuhr, fühlte ich mich leicht und froh.

Am nächsten Morgen kam der Anruf. Trotz all meiner Ängste und Selbstzweifel bin ich in das Haus gegangen um Kjell bei seinem Weg zu den Sternen beizustehen. Ich habe es gescha t für ihn, seine Eltern und Geschwister, Großeltern, Tanten und Paten da zu Sein. Genau so, wie seine Eltern es sich gewünscht haben. Dabei geholfen hat mir meine Ausbildung zur Lotsin im Familienhafen. Alle diese Menschen, die uns Ehrenamtliche an ihrem Wissen und ihren Geschichten haben teilhaben lassen und dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar.

Kjell hat mir gezeigt, dass das Leben auch mit dieser furchtbaren Krankheit und den Schmerzen und Einschränkungen, bis zum Ende lebenswert ist. Und dass es zwischen   vielen schlimmen Stunden schön ist, wenn es ein paar gute gibt. Das ist ein Geschenk, dass mich mein ganzes Leben begleiten wird und das mein Leben beeinflusst. Kjell´s Leben und sein Tod haben mich mitgenommen – auf eine Reise zu mir selbst und zu Veränderungen in meiner Haltung zum Leben.

Ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Familienhafen e.V.

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